Gecancelt. Der Podcast „Kein Kommentar“ wurde von Radio Helsinki ab sofort aus dem Programm genommen. Der zuständige „Programmrat“ hat nämlich überlegt, ob „Kein Kommentar bei uns noch reinpasst“ und die Streichung beschlossen: „Der Hauptgrund dafür ist die Verwendung von Narrativen des Kremls.“ – Nun, dass im Zuge der Analyse eines Krieges die „Narrative“ der Kriegsparteien „verwendet“ werden, ist m.E. zwingend. Kommt halt darauf an, wie und wofür. Im folgenden Beitrag etwa sind das Narrative der Trump-Administration. Ein paar zusätzliche Bemerkungen zu den Vorwürfen und Hinweise auf Alternativen folgen am Ende.
Zum Imperialismus des 21. Jahrhunderts, oder:
Die ganz neue Weltordnung
Eine Zwischenbilanz der ersten Schritte
„Ein Präsident des Friedens zu sein, der ‘ziel- und endlose Kriege’ beendet, eine gescheiterte Politik des ‘Regimewechsels’ mit anschließendem ‘utopischem Nation-Building’ verwirft, die Rolle eines ‘Weltpolizisten’ ablehnt, der sich den ‘idealistischen’ Auftrag aufhalst, die ‘Probleme der Welt’ mit den eigenen militärischen Zerstörungspotenzen zu lösen, und sich stattdessen auf den Schutz der eigenen Heimat konzentriert – dieses Versprechen löst Trump auf vielleicht überraschende, aber auf jeden Fall eindrucksvolle Weise ein. Im Sommer 2025 lässt er ein iranisches Atomprogramm, das nicht einmal in die Nähe von Waffentauglichkeit kommen darf, mit einem massiven Bombenangriff „auslöschen“, jedenfalls dezimieren. Im Herbst verwandelt er die Karibik und den östlichen Pazifik in einen Schauplatz für einen „Open end“-Krieg gegen Drogenkuriere – jedenfalls gegen Seeleute, die es sein könnten. Zu Weihnachten schenkt er seinen christlichen Anhängern einen Raketenangriff auf eine IS-Dependance im Norden von Nigeria mit der Aussicht auf weitere Einsätze in diesem ‘besonders bedenklichen Land’. [„Dies war laut Aussage des Präsidenten in den sozialen Medien eine Vergeltungsmaßnahme für die Ermordung von Christen durch die militante Gruppe, und sie erfolgte ‘in einem Ausmaß, wie es seit vielen Jahren, ja sogar seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen wurde’. Trump erklärte: ‘Sie wollten es früher tun. Und ich sagte: Nein, lasst uns ein Weihnachtsgeschenk machen.’“ (Politico.com, 26.12.25)] Zu Beginn des neuen Jahres lässt er das venezolanische Staatsoberhaupt Nicolás Maduro in einem spektakulären Überraschungsangriff entführen und wie einen gewöhnlichen Schwerverbrecher vor ein US-Gericht zerren; die venezolanische Ölindustrie erklärt er anschließend zum US-Besitzstand und seine eigene Regierung zur weisungsbefugten Instanz über den venezolanischen Staat: ‘Wir werden das Land mit einer Gruppe führen, und wir werden sicherstellen, dass es ordentlich geführt wird.’ (Trump, 3. 1. 2026) Gleich im Anschluss werden weitere Anschläge und Regierungsumstürze in Lateinamerika sowie die Annexion von Grönland angekündigt, weil Amerika das braucht und auch kann. Nachdem die iranische Führung Trumps Ultimatum, innerhalb von zwei Wochen einen ‘fairen Deal’ mit den USA zu machen, immer noch mit Verhandlungen verwechselt, die etwas anderes als die totale Kapitulation beinhalten könnten, lässt Trump den Gottesstaat personell und materiell enthaupten.
Das alles haben seine angeblich kriegsmüden Anhänger wohl nicht kommen sehen. Dass Trump sie damit nur in den wenigsten Fällen aus der Bahn wirft, zeugt freilich nicht von prinzipienlosem Gehorsam der Follower gegenüber ihrem Leader, vielmehr von der innigen Einigkeit zwischen oben und unten über die Essenz aller patriotischen Kriegsmüdigkeit. Die besteht in einem beleidigten Recht auf Erfolg in allen Gewaltaffären, die die Führung auf die Tagesordnung setzt – und zwar auf einen, der der Nation nutzt. Wobei in Amerika, der größten Kriegsmacht der Weltgeschichte, der einschlägige Erfolgsmaßstab naturgemäß etwas höher hängt: Seine Kriege – gleich welcher Größenordnung – müssen nicht nur Siege bringen, sondern die eigene erdrückende Überlegenheit demonstrieren und reproduzieren. So konventionell ist die MAGA-Bewegung also doch. Ihre Anhänger sind jedenfalls keine Fremdkörper im Land der Freien und Tapferen, eher Fundamentalisten des ‘Common Sense’ einer Supermacht, die die USA nun einmal sind.“ (https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/trumps-hemisphaere)
Deswegen – und offenbar nur deswegen – sind dann doch manche Fans ernstlich irritiert, sobald sich die Schlächterei im Iran etwas in die Länge zieht.
Die „Nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten von Amerika“
vom November 2025 darf wohl als das nachgereichte Gründungsdokument der US-amerikanischen Anspruchshaltung gelten, die der Imperator als sein abgrundtief beleidigtes ebenso wie zutiefst befriedigtes Ehrgefühl nicht nur bis zum Erbrechen zur Schau stellt, sondern tatkräftig praktiziert. Weswegen er auch im Vorwort dieser Doktrin deren bereits erzielte Erfolge auflisten kann:
„Im Rahmen der Operation Midnight Hammer haben wir die iranischen Anlagen zur Urananreicherung zerstört. Ich habe die in unserer Region operierenden Drogenkartelle und brutalen ausländischen Banden zu ausländischen terroristischen Organisationen erklärt. Und innerhalb von nur acht Monaten haben wir acht heftige Konflikte beigelegt – darunter zwischen Kambodscha und Thailand, Kosovo und Serbien, der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda, Pakistan und Indien, Israel und Iran, Ägypten und Äthiopien, Armenien und Aserbaidschan – und den Krieg im Gazastreifen beendet, wobei alle lebenden Geiseln zu ihren Familien zurückkehren konnten.“
(https://uncutnews.ch/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy-de.pdf)
Es soll also nunmehr in einigen losen Folgen darum gehen: Der Imperialismus des 21. Jahrhunderts. Etwas abstrakt lässt sich eine Konstante amerikanischer Machtentfaltung festhalten bzw. auch dies er Erfolgsbilanz eindeutig entnehmen: Die „Konfliktbeilegung“ im Americafirst-Modus gehorcht einem durchaus traditionellen Muster, nämlich „si vis pacem, para bellum“. Konfliktbeilegung ist Unterwerfung unter amerikanische Ansprüche, andernfalls ist der Friede zu Ende. Ein paar Erinnerungen an die neuen Normalitäten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Oh wie schön ist Panama!
Bis Ende 1999 war die Panamakanal-Zone US-amerikanisches Hoheitsgebiet; unter Bill Clinton wurde das Territorium der Souveränität Panamas unterstellt. Trump hält das für einen Riesenfehler, der im Grunde genommen wieder rückgängig gemacht gehört. Bislang begnügen sich die USA nach einigen unmissverständlichen Ansagen damit, wieder Truppen dort stationieren zu können, Sonderkonditionen für amerikanische Schiffe erpresst zu haben, chinesische Unternehmen vom Betrieb der Häfen auszuschließen und die Beteiligung Panamas an der chinesischen Seidenstraßen-Initiative abzusagen. Die „nationale Sicherheitsstrategie“ erläutert dazu im Abschnitt „Westliche Hemisphäre: Die Trump-Ergänzung zur Monroe-Doktrin“ folgendes:
„Konkurrenten außerhalb der Hemisphäre haben große Fortschritte in unserer Hemisphäre gemacht, sowohl um uns derzeit wirtschaftlich zu benachteiligen als auch auf eine Weise, die uns in Zukunft strategisch schaden könnte. Diese Übergriffe ohne ernsthaften Widerstand zuzulassen, ist ein weiterer großer strategischer Fehler der USA in den letzten Jahrzehnten. Die Vereinigten Staaten müssen in der westlichen Hemisphäre eine herausragende Stellung einnehmen, um unsere Sicherheit und unseren Wohlstand zu gewährleisten – eine Voraussetzung, die es uns ermöglicht, uns in der Region selbstbewusst zu behaupten, wo und wann immer dies erforderlich ist. Die Bedingungen unserer Allianzen und die Bedingungen, unter denen wir jegliche Art von Hilfe leisten, müssen davon abhängig gemacht werden, dass feindliche Einflüsse von außen zurückgedrängt werden – von der Kontrolle über militärische Einrichtungen, Häfen und wichtige Infrastrukturen bis hin zum Kauf von strategischen Vermögenswerten im weitesten Sinne.“ (ebd.)
Die Phase der allgemeinen „Globalisierung“ des Kapitals auf Basis des jeweiligen nationalen Egoismus, des Strebens nach dem nationalen ökonomischen Nutzen aller Beteiligten mit den bekannt unterschiedlichen Resultaten, die ist vorbei und begraben; jeder ökonomische Handel und Wandel beginnend in Lateinamerika unterliegt der US-amerikanischen Oberaufsicht und ist genehmigungspflichtig. Mit den „Konkurrenten von außerhalb“ ist natürlich in erster Linie China gemeint, aber von der Geographie her liegt auch Europa ziemlich außerhalb „unserer Hemisphäre“, nämlich derjenigen der USA.
Der Riesenerfolg: Venezuela!
Seit der Präsidentschaft von Hugo Chavez mit Ende der 90er Jahre ist Venezuela für die USA ein Schurkenstaat, der durch diverse Sanktionen und Boykotte zum Aufgeben erpresst werden sollte. Dessen Programm, auf Basis der Einnahmen aus dem venezolanischen Ölexport sozialstaatliche Maßnahmen zu finanzieren, um auf diese Weise und mit einigen Wirtschaftslenkungsmaßnahmen die dortigen Volksmassen überhaupt erst für eine Benutzung nach dem Vorbild von sog. „Industriestaaten“ instand zu setzen, passt nicht zu den amerikanischen Plänen für die Region. Über den Wirkungen der amerikanischen wirtschaftskriegerischen Maßnahmen ist zwar der ursprüngliche sozialpolitische Aufbruch längst Geschichte, der General Chavez und sein Nachfolger Maduro haben sich und ihr erodiertes Projekt immerhin an der Macht behaupten können. Mit der Wahl von Americafirst fiel der Beschluss, nun endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Die Beschuldigungen der venezolanischen Regierung sind mannigfaltig, da kann sich jede geneigte Öffentlichkeit die Rosinen herauspicken: Drogenhandel? Öldiebstahl? Autokratentum? Fehlt nur der unerlaubte Waffenbesitz … Wie auch immer, der Drogenhandel und der Öldiebstahl haben sich als die relevanten Vorwürfe herauskristallisiert, und als ebenso markant – im Vergleich mit früheren US-Interventionen – darf die Liste der Anliegen gelten, um die es dezidiert nicht geht: Es geht nicht darum, das dortige Volk zu „befreien“, und durch einen Regime-Wechsel als Übergangsphase weiterführend mit freien Wahlen und einer gelungenen Demokratie zu beglücken; kann durchaus sein, dass dergleichen irgendwann passiert, aber der leitende Zweck ist ein anderer. Die in Verhandlungen im Vorfeld durchaus angebotene diesbezügliche Kapitulationsbereitschaft des Maduro-Regimes reicht jedenfalls nicht aus:
„Venezolanische Regierungsvertreter, die darauf hofften, den Konflikt ihres Landes mit den USA zu beenden, boten der Trump-Regierung in monatelangen Gesprächen eine Mehrheitsbeteiligung an Venezuelas Öl- und anderen Bodenschätzen an, wie mehrere mit den Verhandlungen vertraute Personen berichten. Das weitreichende Angebot blieb auf dem Tisch, als die Trump-Regierung die Regierung von Präsident Nicolás Maduro in Venezuela als ‘Drogenkartell’ bezeichnete, Kriegsschiffe in der Karibik zusammenzog und begann, Boote zu sprengen, die laut amerikanischen Beamten Drogen aus Venezuela transportierten. Im Rahmen eines Abkommens, das zwischen einem hochrangigen US-Beamten und den wichtigsten Beratern von Maduro diskutiert wurde, bot der venezolanische Machthaber an, alle bestehenden und zukünftigen Öl- und Goldprojekte für amerikanische Unternehmen zu öffnen, amerikanischen Unternehmen Vorzugsverträge zu gewähren, den Fluss der venezolanischen Ölexporte von China in die Vereinigten Staaten umzukehren und die Energie- und Bergbauverträge seines Landes mit chinesischen, iranischen und russischen Firmen zu kündigen.“
(Venezuela’s Maduro Offered the U.S. His Nation’s Riches to Avoid Conflict – The New York Times )
Das berichtet diese Zeitung im Oktober des vergangenen Jahres. Zur „Einsicht“, dass die Ölvorkommen und Bodenschätze in Venezuela inzwischen nur noch zu amerikanischen Konditionen zu fördern und zu vermarkten sind, hatte sich Maduro schon auf Basis des status quo ante vorgearbeitet, also der diversen US-Sanktionen, plus der realistischen Einschätzung, dass weder Russland noch China imstande oder willens seien, auch gegen die USA auf den bisherigen Beziehungen zu bestehen. Nichtsdestotrotz erhöht die US-Regierung das schon existierende Kopfgeld auf Maduro, lässt eine Flotte auffahren – immerhin zwei Flugzeugträger samt Begleitschiffen –, blockiert bzw. konfisziert einige Tanker, zerstört zunehmend kleinere Schiffe, die zu Drogentransporten ernannt werden in der Umgebung im Rahmen kleinerer kriegerischer Handlungen, und lässt schließlich Maduro selbst kidnappen und einem Gericht vorführen. Die erwähnte ohnehin vorhandene Kapitulationsbereitschaft Maduros plus Kopfgeld dürfte bei der Rekrutierung von Hilfswilligen vor Ort schon eine Rolle gespielt haben. Wer es bisher nicht gewusst hat: Auswärtige Staatsoberhäupter sind Verbrecher und werden als solche behandelt, sobald sie den USA im Wege sind.
Die Übernahme Venezuelas (Trump: „We are going to run the country …“) durch die US-Regierung ist schon der ganze Regime-Wechsel, der gebraucht wird; das alte Personal kann im Großen und Ganzen weitermachen wie bisher, nur unter US-Direktiven. Die nicht nur ideologisch von außerhalb eine Zeitlang verhätschelte venezolanische Opposition – darunter eine waschechte Nobelpreisträgerin, die sich Trump förmlich zu Füßen geworfen hat – ist enttäuscht, aber, ganz ehrlich, diese Typen haben zwanzig Jahre lang in Venezuela nichts zusammengebracht, was einem Aufstand auch nur entfernt ähnlich schaut, und damit bewiesen, dass sie kein gutes Blatt in der Hand haben, genau genommen gar keines. Auch Flüchtlinge aus Venezuela, unter Joe Biden noch geduldet als menschliche Beweise für das Unrechtsregime vor Ort, sind spätestens jetzt in den USA überflüssig und also abmarschbereit.
Mindestens so wichtig wie das Ergebnis im engen Sinn sind allerdings die minutiöse Vorbereitung und die exzessive Feier im Nachhinein, also „die Hebelwirkung eines gelungenen Militäreinsatzes: auf den südlichen Hinterhof, die ganze Hemisphäre, die Alliierten, die Welt. Von Anfang an macht die Trump-Regierung deutlich, dass der Nutzen des präsidentiellen Kidnappings in der nützlichen Neuausrichtung dieses Staates und dieses Stücks Ölindustrie überhaupt nicht aufgeht. Die gefeierte ‘Effizienz’ der ‘chirurgischen’ Militäroperation liegt jedenfalls nicht darin, dass diese so klein ausgefallen ist, Amerika sehr wenig Blut und Reichtum riskiert und geopfert hat. Sie liegt eben im besonders günstigen Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag: eine ‘Demonstration der militärischen Leistungsfähigkeit der USA, die dafür sorgt, dass künftig niemand uns in die Quere kommen will’ (Vance bei Fox News, 8.1.26)“. (https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/trumps-hemisphaere)
Grönland ist nicht vom Tisch!
Beflügelt von diesem epochalen Erfolg, hat Trump sich und die Welt in Europa beim Weltwirtschaftsforum in Davos daran erinnert, dass zu „unserer Hemisphäre“ nach den Landkarten von Americafirst etwas weiter nördlich auch noch ein „Stück Eis“ gehört. Angesicht einer derartigen, lächerlichen Kleinigkeit versteht Trump die Kleinlichkeit Dänemarks bzw. Europas einfach nicht, wenn dortige Figuren daraus eine Prinzipienfrage machen wollen. Wie dem auch sei:
„Ich strebe sofortige Verhandlungen über den Erwerb Grönlands durch die USA an – so, wie wir im Laufe unserer Geschichte viele andere Territorien erworben haben, so wie auch viele europäische Nationen dies getan haben. Daran ist nichts falsch. Einige verfügten einst über großen, immensen Reichtum, über riesige Gebiete überall auf der Welt. Dann haben sie den Rückzug angetreten. Jetzt sitzen sie wieder dort fest, wo sie angefangen haben.“ (Trump in Davos, 21. 1. 2026)
In Europa wurde vor allem die großzügige Absage an Gewalt durch den Präsidenten registriert, ohne seine berühmte Sprunghaftigkeit zu vergessen:
„Trump bekräftigte, die USA bräuchten das ‘Eigentumsrecht’ der Insel, um Grönland schützen zu können: ‘Wir können Grönland nicht auf Miete verteidigen.’ Dänemark solle den USA den ‘kleinen Gefallen’ tun und dem Verkauf zustimmen. ‘Alles was ich möchte, ist ein Stück Eis. Kalt und kaum besiedelt. … Das ist eine sehr kleine Bitte’, sagte Trump und fügte hinzu: ‘Wir haben nie um etwas gebeten und wir haben nie etwas bekommen. Wir werden wahrscheinlich auch nichts bekommen, es sei denn, ich entscheide mich, übermäßige Gewalt anzuwenden, wodurch wir, offen gesagt, nicht mehr aufzuhalten wären.’ Dies werde er aber nicht tun. ‘Ich muss keine Gewalt anwenden, ich will keine Gewalt anwenden, ich werde keine Gewalt anwenden’, sagte er.“
(Weltwirtschaftsforum in Davos: Donald Trump will „keine Gewalt“ bei Übernahme Grönlands anwenden | DIE ZEIT )
Keine Gewalt, das ist schön. Weniger Beachtung fand die ausdrückliche Würdigung des guten, alten Kolonialismus als Vorbild für internationales Benehmen – „Einige – europäische Nationen – verfügten einst über großen, immensen Reichtum, über riesige Gebiete überall auf der Welt. Dann haben sie den Rückzug angetreten. Jetzt sitzen sie wieder dort fest, wo sie angefangen haben.“ Berührungsängste mit dieser Vergangenheit kennt die Mannschaft von MAGA jedenfalls nicht. Im übrigen sieht sich der Präsident mit Blick auf Grönland in keiner Weise unter Zeitdruck – denn nicht die USA sind in einer Zwangslage und haben Handlungsbedarf.
Fortsetzungen zum Imperialismus des 21. Jahrhunderts werden folgen. Vor allem ist zu klären, wie sich die Kriege zum Anspruch des künftigen Friedensnobelpreisträgers verhalten, Kriege nur noch zu beenden.
Als aktueller Vorgriff darf angemerkt werden, dass sich Trump gerade durch die exzessive Feier des venezolanischen Erfolgs die Latte ziemlich hoch gelegt hat. Die den aktuellen verbrecherischen, völkerrechtswidrigen Aaaangriffskrieg gegen den Iran begleitenden „kritischen“ Nörgeleien strategischer Besserwisser aus Europa – dilettantisch, planlos, chaotisch, nicht durchdacht usw. soll das Gemetzel sein, Verweise auf das Völkerrecht wurden ohnehin von Trump persönlich längst gecancelt – diese Nörgeleien sind nichts anderes als das enttäuschte Echo des genuin Trump’schen Triumphalismus, der von der maßlosen Überlegenheit der USA und von der alternativlosen Unterwerfung aller Adressaten ausgeht. Manche Kommentatoren scheinen angesichts dessen ehrlich überrascht davon, dass auch ein Trump, sogar ein Trump einen Krieg auch führen muss, um Kriegsziele zu erreichen!
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Die Zensur von „Kein Kommentar“ …
… soweit es des Sendebereich des „Programmrats“ von Radio Helsinki betrifft, hat eine ganz kleine Vorgeschichte, eine Mail Mitte März:
„Ein:e Programmrät:in hat die Replysendung gehört, (siehe https://www.freie-radios.net/140913). Fazit: Verkehrte Weltsprech, böse Ukraine, böse EU. Russland wird nicht kritisiert. Der Begriff “Kriegswilligkeit” wird polemisch eingesetzt. Auch gewisse Quellen wie zB die putinfreundliche Weltwoche kommen nicht gut an. Wir ersuchen dich das Thema Ukrainekrieg nicht mehr zu behandeln in der Sendung.“
Gewisse Quellen kommen beim Programmrat „nicht gut an“! Das geht ja wohl gar nicht! Die diesbezüglichen Vorlieben bzw. Abneigungen des Programmrats sind doch wohl das Maß aller Dinge! Wie wäre es wenigstens mit einer Liste erlaubter Quellen? Die Frage ist ein wenig peinlich, aber ist für den Programmrat die Benutzung einer „Quelle“ wirklich gleichbedeutend damit, sich mit der Quelle zu identifizieren?
Ein Beispiel. Im „Kurier“ habe ich folgendes gelesen: „Recht und Macht: Wie US-Sanktionen den IStGH und seine Richter behindern. Internationaler Strafgerichtshof: Konten und Kreditkarten gesperrt, Mailverbindung gekappt, Amazon liefert nicht mehr. Mit welch drakonischen Sanktionen die USA gegen unliebsame Richter in Europa vorgeht.“ (25.11.2025) Nun, die EU-Kommission legt ein analoges Vorgehen gegen Kritiker des Ukrainekrieges an den Tag – das habe ich halt zuerst aus der „Weltwoche“ erfahren; anschließend haben vor allem Schweizer Medien nachgezogen, weil ein Schweizer Ex-Offizier davon betroffen war, ein kurzer Suchbefehl „Sanktionen gegen Baud“ liefert bis heute keinen link auf selbsternannte hiesige „Qualitätszeitungen“, zumindest nicht auf den ersten Seiten:
EU-Sanktionen gegen Schweizer Ex-Nachrichtenoffizier Jacques Baud: Die Medien berichten in einer Mischung aus Zustimmung und Warnung
Da halte ich es nicht für ehrenrührig, für den Hinweis auf diese Tatsache auch die Weltwoche als Quelle anzuführen. Fällt eine solche Meldung über Sanktionen der EU gegen Dissidenten womöglich unter den beim Programmrat offenbar unerwünschten Vorwurf „böse EU“, im Programmrat-Sprech? Nun, eine Tatsache ist etwas anderes als ihre moralische Einordnung, auch wenn im Mainstream-Nachrichtenwesen die Vermischung gang und gäbe ist, und Tatsachen je nach erwünschter Moral hochgespielt oder totgeschwiegen werden. „Gut“ und „böse“ sind Kategorien der Propaganda, aber keine Kategorien der politischen Analyse. Diese Formulierungen kommen daher nicht vor; die Umkehrungen, also eventuell das Lob der guten EU oder der Ukraine, allerdings auch nicht. Da „schließt“ der oder die Programmrät:in – meiner Vermutung nach – aus der Abwesenheit des gewünschten Lobs auf das Gegenteil, also das Verdikt „böse“. Mit Verlaub – solche Plattitüden sind mir echt zu hanebüchen.
„Der Begriff “Kriegswilligkeit” wird polemisch eingesetzt.“ Das ist beabsichtigt! Von einem Verbot polemischer Formulierungen war mir bisher jedenfalls nichts bekannt, auch hier wäre wohl eine vom Programmrat abgesegnete Liste erlaubter „Begriffe“ wirklich hilfreich … (In der Formulierung „Kriegstüchtigkeit“ ist das inzwischen eine Forderung an die Bürger in Deutschland!) Ich habe mich – zugegeben etwas leichtsinnig – auf eine Erinnerung verlassen: Die aktuelle selbsternannte „Koalition der Willigen“ (Großbritannien, Frankreich, Deutschland et al.) ist eine offenkundige Anlehnung an eine frühere Koalition der Kriegswilligen. Nämlich an den verbrecherischen, völkerrechtswidrigen blablabla „Angriffskrieg“ jener damaligen Koalition gegen den Irak unter George Bush junior, erfunden wurde die Bezeichnung vom damaligen US-Verteidigungsminister, weil Deutschland und Frankreich als NATO-Länder damals nicht mitmachen wollten – das bloße Mitmachen ohne Einfluss war beiden zu minder; die Ukraine und Polen hingegen wollten sich nützlich machen und waren dabei.
Der Programmrat tut sich offenbar schwer, was Kritik betrifft. Eine solche erläutert nämlich, WAS an einer anderen Position moniert wird. Statt dessen regiert hier der Vergleich mit dem eigenen oder einem gerade noch tolerierten Weltbild, und moniert wird, DASS eine Abweichung vorliegt – von einer anderen Sicht der Dinge, die aber hier als Norm gelten will, gegen die verstoßen wird. Die etwas ungelenke Formulierung „verkehrte Weltsprech“ bringt das m.E. treffend zum Ausdruck. Klar, dann ist „Kein Kommentar“ halt „verkehrt“, gemessen an den Bedürfnissen des Programmrats – na und? Dass eine Kritik an Russland heutzutage quasi den Stellenwert einer Eintrittskarte hat, ohne die nichts geht, war mir auch nicht bekannt.
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Wer sich selbst ein Urteil über die Kontroverse bilden will, muss sich wohl die Mühe machen und ins Material einsteigen. Wer auch weiter Polemiken jenseits des Helsinki-Programmrat-Weltbildes zur Kenntnis nehmen will, möge https://99zueins.de/ ansteuern. Ich habe auch einen account auf https://substack.com/ angelegt, werde mal schauen, was das bringt.
Ein Literaturtipp für den Programmrat: Das Redaktionsstatut von Radio Helsinki (https://helsinki.at/wp-content/uploads/Redaktionsstatut_2015.pdf) und die Charta des Freien Rundfunks Österreichs. (https://helsinki.at/ueber-uns/#Charta_Freier_Rundfunk) Interessante Lektüre.
