Das trunkne Schiff

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Arthur Rimbaud, Das trunkne Schiff, in der Übersetzung von Theodor Däubler

 

Ich bin im verschlummerten Flusse hinuntergeschwommen,

Da fühlt’ ich mich plötzlich von Schiffsziehern nimmer gelenkt.

Zu Zielscheiben hatten sie Rothäute heulend genommen:

An Pfähle genagelt, in qualvoller Nacktheit verrenkt.

 

Ich ließ alle Mannschaften hinter mir streiten,

Sie führten Getreide aus Flandern und englische Baumwolle mit.

Es ging, wie ich wollte, in strömende Weiten,

So wie ich zu mir, dem Gelärm von Matrosen, entglitt.

 

Ja ich, den Winter im Wesen, beflog das Gewoge,

Stürzte mich leibhaft und taub, wie ein kindlicher Hirnbrei,

Dahin über treibende Halbinseln, Höllenprologe:

Ins Tohuwabohu der siegreichen Weltsudelei.

 

Die Seehosen haben mein See-Sang-Erwachen gesegnet.

So leicht wie ein Stöpsel betanzt’ ich die Flut,

Die da heißt: „von den Leichen Ertrunkner durchregnet“.

Zehn Nächte lang! Ohne ein Haschen nach äugender Glut.

 

Oh, süß wie den Kindern das Fleisch ihres Apfels am Abend,

So drang in die Kußschale grünliches Wasser um mich,

Die Speipfützen blauten hinweg; und, im Holzgeripp schabend,

Wusch mich’s vom Wein: Steuergriff, Ruder ließ ich im Stich.

 

Damit aber war ich der Dichtung im Meer hingegeben:

Es hat mich ein glitzerndes Sternengestöber durchzuckt:

Machte mich habhaft ergrünender Bläue. Bei bleichem Erbeben

Von Wellen wird oft ein Ertrunkner, der hinsinnt, verschluckt.

 

Ich war, wo die Blauheiten leiserer Rhythmen,

Ein bleiches Geriesel bei morgendem Rot,

Dem bittersten Gären der Liebe sich widmen:

Viel stärker wie Sprit, höchstes Blutaufgebot!

 

Und ich weiß nun von Himmeln, die blitzend zerspringen,

Von Seehosen, Ebbe vom Strom. Den Abend. Ich weiß

Das Tagen, ein Schwärmen von Tauben mit glitzernden Schwingen:

Gewahre was Menschen der seltenste Preis!

 

Dann sah ich sie niedrig, die Sonne, wie Unterweltschrecken!

Gestaffel von lila Geglüh. Und Schauspielern, gleißend beschuht,

Auf sehr alten Bühnen, begegnet’ ich, fallenden Recken:

Ein zitterndes Faltenspiel rollte empor aus der Flut.

 

Mir träumte von Küssen, die langsam auf Wellen sich legten,

Die Nächte erschienen mir grün im erstaunenden Schnee,

Unsagbare Säfte, die kreisten, im Blute sich regten:

Ein gelblich und blaues Erwachen wie leuchtende See.

 

Den trächtigen Monaten bin ich gefolgt. Einer Horde von Kühen.

Hysterischen. Auch Böen beim Ansatz zum Riff.

Da ahnte ich nicht des Marienmonds Füße, die blühen.

Der Ozean atmete schwer. Ein Büffel: sein Wutübergriff!

 

O wüßtet ihr: kenternd gelangt’ ich auf Floridas Hügel,

Wo Augen von Panthern die Blumen beblitzten; ich spürte die Haut

Von Menschen. Regenbogenbespannte trugen wir Zügel.

Noch unter dem Seehorizont: dort wo ein Wassergezappel erblaut.

 

Die Sümpfe: ich sah sie. Unsagbare Netze.

Im Schilfe erschimmelt der Urtag als Fund;

Bei windstillem Wetter der Einsturz: gewitternde Hetze;

Katarakthaft die Ferne beim Fall in den Schlund.

 

Und Gletscher. Versilberte Sonnen. Entzündete Himmel.

Gescheiterte, schrecklich in Tiefen der bläulichen Bucht.

Ein riesiger Seeschlangenknoten im Wanzengewimmel,

Von Bäumen durchspickt und umstunken von Sucht.

 

Die goldenen Fischreisen hätt’ ich so gerne den Kindern

Im Blauen gezeigt, es sang mir der Fische Geleit.

Wie sollt’ ich ein Segnen von schäumenden Blumen verhindern?

Sie kamen: dann trug mich ein Windschwang, zur Liebe bereit.

 

Ermüdet vom Pole, der Märtyrer tropischer Zonen,

Umseufzte mich süßeres Schaumesgetreib

Mit gelblichen Schattenbetastern von Traumanemonen:

Und da beugt sich das Knie wie ein regloses Weib.

 

Besudelt vom Kote blondäugiger Vögel im Wassergezänke,

Eine Halbinsel, wälzt’ ich mich, Spiel meines treibenden Bretts;

Oder Ertrunkne, beim Rückwärtsruck, glitten, durch Ränke,

Hinab in den Schlaf und zerzausten mein dünnes Genetz.

 

So ward ich zum Wrack unterm Haar einer Klippe,

Im Gischte vom Sturm in die Luft ohne Vögel gezischt.

Mein Schiffsgeripp hätte, besoffen im Wogengewippe,

Vom Grunde kein Monitor, Segler der Hansa gefischt.

 

Frei und auch rauchend, mit lila Gewölk übersponnen,

Habe ich Mauern von Himmeln aus Scharlach durchlocht,

Und süßeste Labsal entquoll mir, dem Dichter geronnen,

In die sich ein Blauauswurf, Sonnengealge verflocht.

 

Ich lief von elektrischen Möndchen besprenkelt, geleitet

Von Seepferdchen zugweis und schwarz: ich, das irrende Brett.

Ein Himmelsgefetz hat der Juli sich peitschend bereitet:

Durch brennenden Trichter stürzte er ab, blau ins Violett.

 

Ich zitterte: dort fünfzig Meilen von mir das Gestöhne

Vom brünstigen Maelstrom: Ich selber Verspinner von Blau,

Das ewig unsagbar Unregsamkeit hergibt, entwöhne

Mich schwer von der Brüstung Europas, dem alten Verhau!

 

Ich sah der Gestirne Gemeer, habe Inseln und Himmel

Für Wahnwitzerbrüche geöffnet. Hinfiebernd: gekannt.

Du kommende Kraft, goldner Vögel Millionengewimmel

Entschlummerst du da, in die schlundhaften Nächte verbannt?

 

Ich habe unendlich geweint! Denn der Morgen bringt Grauen.

Der Mond ist Verbrecher: die Sonne zu herb!

In beißender Liebesluft mußte ich schaudernd erlauen:

Entstünde im Kiele ein Leck: und ich wüßte, ich sterb’!

 

Ersehnt ich ein Wasser Europas, so wär’ es ein Tümpel.

Verdunkelt und frostig: ein Kindlein am Abend dabei!

Es kauerte dort und entließe mein Schiffchen mit Wimpel,

Das sauste durch Fluten so sacht wie ein Falter im Mai.

 

Nicht länger ertrag’ ich euch, Wellen, Betraufer mit Trauer.

Was sollen mir Baumwollenbringer, mein Kielwasserraub,

Die Durchfahrt im Prunke von Fahnen und Flammen voll Schauer!

Nicht schwimme ich mehr mit der Strandaugen scheelem Verlaub.

 

(Vertonung aus: Radio Irreparabel / Sendereihe von Mathis Zojer)

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