V Evropi se ponovno odpira vprašanje, ali potrebujemo več jedrskih elektrarn. Med političnimi ambicijami in varnostnimi pomisleki se znova soočamo z dediščino ene največjih tehnoloških nesreč v zgodovini. Ob 40. obletnici katastrofe v Černobilu je primeren razmislek o tem, kaj nas je Černobil naučil – in ali smo se iz tega sploh kaj naučili.
40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erleben wir gegenwärtig eine AKW Nostalgie. Doch die Stimmen nach Alternativen werden lauter. Eine Reportage zur aktuellen Realitätsbestimmung verbunden mit Erinnerungen. Einschätzungen hören sie von Nikolaus Müllner, Sicherheitswissenschaftler in Wien, Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin und Marco Ricotti, Kernkraftexperte der Universität Mailand. Zusätzliche Buchauszüge aus „Das Pripjat Syndrom“ und „Tschernobylkinder“ sind als Beitrag zu einer reflexiven Erinnerungskultur zu verstehen.
Nikolaus Müllner, Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften (ISR) der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien hat kürzlich – rückblickend auf die Atom-Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl vor 40 Jahren – festgestellt: „Es war ein furchtbarer Realitätsschock“ und verdeutlicht dazu:
Ja, der Unfall von Tschernobyl hat auf zwei Arten die Anschauungen oder Glaubensgrundsätze, die man damals im Bereich nukleare Sicherheit hatte, über Bord geworfen. Das eine war, dass ein zivil genutzter Kernreaktor nicht zu einer so starken Leistungserhöhung kommen kann, dass der Reaktor quasi explodiert, wie es in Tschernobyl der Fall war. Also, in Tschernobyl gab es ja eine Leistungsexplosion, die Leistung ist in Sekundenbruchteilen um ein Vielfaches angestiegen und war auf der Messskala nicht mehr ablesbar. Das gesamte Reaktorgebäude wurde zerstört. Spaltprodukte, Reaktormaterialien, Graphit, der als Moderator fungiert, alles wurde in die Luft geschleudert und um den Reaktorstandort verteilt, aber nicht nur, sondern auch wirklich kilometerweit in die Atmosphäre eingetragen. Und eine radioaktive Wolke hat sich über ganz Europa verteilt. Und das war eigentlich das zweite Dogma sozusagen, das im Bereich nuklearer Sicherheit verletzt wurde, nämlich dass eigentlich die Folgen eines Reaktorunfalls auf den unmittelbaren Nahbereich des Reaktors beschränkt sind. Da hat man eben gesehen, es kann tatsächlich noch 150 Kilometer vom Reaktorunfall Konsequenzen geben, dass man sich gezwungen sieht, das Gebiet zu einer Sperrzone zu erklären. Und wir in Österreich, tausend Kilometer vom Unfallsort entfernt, mussten wir Maßnahmen ergreifen, wie eben den Leuten zu empfehlen, im Gebäude zu bleiben, oder Nahrungsmittel aus der Landwirtschaft konnten nicht verwendet werden. Also da hat sich schon einiges im Bereich nukleare Sicherheit durch Tschernobyl geändert.
Wobei die Nachrichten über den Super-GAU verspätet veröffentlicht wurden. Die damalige Sowjetunion wurde erst auf Drängen anderer Staaten gezwungen, öffentliche Stellungnahmen abzugeben. Und die Schutzmaßnahmen der Räumungsarbeiter und der Bevölkerung, etwa im nahegelegenen Ort Prypjat, der später (verspätet) evakuiert wurde, waren äußerst mangelhaft. All das vermittelt in der Nachbetrachtung ein schockierendes Bild über gravierende Fehlentscheidungen und Unwissenheit, oder?
Also erstens war natürlich die Sowjetunion der Meinung, dass man diesen Unfall vertuschen kann und dass man nicht international darauf eingehen muss, dass es hier zu einer solchen Katastrophe gekommen ist. Das war über mehrere Tage lang die Hoffnung. Der zweite Punkt ist, weil Prypjat angesprochen wurde, die Evakuierung von Prypjat, die dann eigentlich in die Wolke hinein passiert ist, das war nicht vorgesehen. Man geht eigentlich nicht, das ist auch heute so, im Katastrophenschutz von solchen katastrophalen Ereignissen aus. Momentan, wenn ich bei Kernkraftwerken evakuiere, das bedeutet ja, dass die Leute, bevor eine radioaktive Wolke kommt, woanders hingebracht werden. Das muss geplant sein, das muss geübt werden, und die Leute müssen wissen, dass es zu einer Evakuation kommen kann, müssen wissen, wo sie hingehen, es müssen Transportmittel bereitgestellt werden, man muss wissen, wohin man die Leute bringt. Und das ist etwas, was eigentlich wirklich nur im Nahbereich der Kraftwerke vorgesehen ist, also etwa Zonen zwischen zwei und zehn Kilometern sind bei den meisten Kraftwerken die Zonen, wo man wirklich mit Evakuierungen rechnet. Eine Stadt wie Prypjat, also 40.000 Einwohner zu evakuieren oder abzusiedeln, das sind dann immer ad hoc Maßnahmen. Also so etwas war nicht geübt, nicht vorgesehen. Und da wird dann eben in der Not die Entscheidung getroffen und da passieren natürlich Fehler. Das wäre aber heute nicht anders. Wenn es heute wieder zu einer Katastrophe von so einem Ausmaß käme, bei einem der europäischen Kraftwerke vielleicht sogar, also Absiedlungen oder Gegenmaßnahmen würden da auch nicht wirklich besser ablaufen. Das muss man einfach sagen.
Eine ernüchternde Feststellung die Dr. Müllner hier ausspricht. Es stellt sich die Frage, ob die aktuelle Rückbesinnung auf die Atomenergie und der neuerliche Ausbau von Kernkraftwerken zu einer größeren Energieunabhängigkeit führt und ob standardisierte Sicherheit gewährleistet ist. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vermittelt im März 2026 beim Kernenergie-Gipfel in Paris eine deutliche Botschaft: Neben erneuerbarer Energie müsse auch die Kernenergie wieder stärker forciert werden und Europa müsse sich an dieser „Renaissance der Kernenergie“ aktiv beteiligen:
Während 1990 ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie stammte, sind es heute nur noch knapp 15 %. Diese Verringerung des Anteils der Kernenergie war eine bewusste Entscheidung, und ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren. Das sollte sich aus zwei Gründen ändern. Erstens, weil Kernenergie und erneuerbare Energien eine Schlüsselrolle spielen. Dies ist kein Entweder- Oder – in Kombination miteinander sind sie am stärksten. Denn was wir brauchen, ist das beste Gesamtpaket für Energie – sauber, erschwinglich, resilient, europäisch. Erneuerbare Energien erzeugen Strom am kostengünstigsten – aber sie sind volatil, abhängig von Sonne und Wind, und manchmal liegen die besten Standorte weit von den industriellen Ballungsgebieten entfernt. Deshalb müssen wir auch in Speicherung und Nachfrageflexibilität investieren und unsere Netze ausbauen. Die Kernenergie ist zuverlässig und liefert das ganze Jahr über rund um die Uhr Strom. So kombiniert das effizienteste System Kernenergie und erneuerbare Energien und wird durch Speicherung, Flexibilität und Netze untermauert. Der zweite Grund ist, dass Europa ein Pionier in der Kerntechnologie war und die Welt erneut anführen könnte. Kernreaktoren der nächsten Generation könnten zu einem europäischen High-Tech-Export von hohem Wert werden. Und das ist es, was uns heute nach Paris bringt. In den letzten Jahren erleben wir eine weltweite Renaissance der Kernenergie. Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben.
Diese Stellungnahme der Kommissionspräsidentin interpretiert Nikolaus Müllner, Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Universität für Bodenkultur Wien BOKU so:
Mein Gefühl ist, das ist eine politische Nachricht, oder der politische Wunsch, dass wir so eine Energiequelle hätten. Tatsächlich schaut es ein bisschen anders aus. Wenn man sich die Kernenergie in Europa ansieht, dann muss man sagen, dass es wirklich nur wenige neue Projekte gibt. Also Projekte die Hand und Fuß haben, wo bereits eben die gesetzlichen Weichen gestellt wurden, wo es vielleicht eine Ausschreibung gegeben hat, wo die Finanzierung geklärt wurde, wo es vielleicht schon einen Errichter gibt. Das sind in Europa eine Handvoll Projekte, wo es klar ist, dass dieses Kraftwerk in den nächsten 10 bis 20 Jahren ans Netz geht. Ja, die kann man wirklich an einer Hand aufzählen, diese Kraftwerke. Und es hat sich bis jetzt immer gezeigt, dass Kernkraft eine sehr behäbige Technologie ist. Es dauert lange, bis sie ein Kernkraftwerk errichten. Es dauert lang, bis die Finanzierung geklärt ist, bis es genehmigt ist, bis diese eine Betriebsgenehmigung bekommen. Also das sind so, von dem Entschluss ein Kernkraftwerk zu bauen bis hin zum Netzanschluss, das dauert gut 25 bis 30 Jahre – in Europa.
Und betreffend einem europäischen Export von Hochtechnologie, lautet die Stellungnahme des Sicherheitsexperten ebenfalls eher skeptisch indem er meint;…
… den europäischen Export von Hochtechnologie, den gibt es auch nicht. Es gibt eigentlich in Europa nur „Framatome“, die ein Reaktormodell angeboten hatten, das war nämlich der European Pressurized Water Reactor (EPR), der einige Male weltweit gebaut wurde. Und momentan ist es aber so, dass Framatome dieses Reaktormodell nicht mehr bauen möchte, weil es eben wirklich sehr viele Sicherheitssysteme hat und also sehr komplex ist, ein sehr komplexes Modell, und man will das in dieser Form nicht mehr bauen. Man forscht jetzt an einem EPR-2, der etwas einfacher zu bauen sein soll und dann etwas günstiger gebaut werden könnte. Das heißt, momentan hat Europa überhaupt kein Modell, das es exportieren könnte. Es gibt dann noch von Rolls-Royce in Großbritannien in Zusammenarbeit mit Tschechien den Gedanken, einen Small Model Reactor zu bauen, aber da ist man auch noch nicht über die Designphase hinaus. Also das heißt, dieser Hochtechnologie-Export von Europa, der ist einfach nicht sichtbar.
Dieses Setzen auf Technologie, wenn Europa sich jetzt dazu entscheidet, auf diese Technologie zu setzen, es dauert sicher 20 bis 30 Jahre, bis wir dann Resultate sehen. Das kommt einfach zu spät. Wir müssen unsere Energiesysteme dekarbonisieren. Und das sind nicht die Kernkraftwerke. Das ist aber der politische Wille, und ich kann auch verstehen, warum. Ja, warum? Wir haben eine Energiekrise und es ist der Wunsch, dass wir alle Quellen nach Möglichkeit ausnutzen. Aber ich denke, da ist die Einschätzung falsch, was die Kernenergie tatsächlich liefern kann.
Also Windkraft und Sonnenenergie statt Atomkraft, wenn ich Sie richtig verstehe?
Ja, also Wind, Photovoltaik, Speichertechnologien und was immer wieder vergessen wird, aber was aus meiner Sicht sehr wichtig ist, ist auch Energiesparen. Man kann, wenn man sich überlegt, wie viel Energie haben wir eigentlich und wofür verwenden wir diese Energie, ist das in jedem Fall sinnvoll oder gäbe es da noch Möglichkeiten, wirklich sinnvoll einzusparen. Dann glaube ich, dass man einen signifikanten Anteil der Energie auch sparen könnte.
Nun nochmals zurück zur Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vor 40 Jahren und deren weitreichenden Folgewirkungen. Wegen der Bauweise des damaligen Reaktortyps und der mangelnden Sicherheitsvorkehrungen und weiteren Ursachen, hätten, so meint Marco Ricotti, die Sicherheitsbehörden dieses Kraftwerk überhaupt nicht genehmigen dürfen. Die Hauptursache für die damalige Katastrophe sieht der italienische Nuklearexperte jedoch in menschlichem Versagen und meint, …
… die Ursachen, die zu dem Unfall beigetragen haben – ich würde sagen, dass die Hauptursache menschlicher Natur war. Ein Manager, der keine Erfahrung und keine Kompetenz im Nuklearbereich hatte und ein Korrekturexperiment durchführen wollte, das, wie ich sagen würde, gegen die Regeln verstieß, ja sogar die Ausschaltung einiger Sicherheitssysteme erzwang.
Wie bereits angesprochen wurden, mit erheblicher Verspätung die Einwohner der etwa drei Kilometer entfernte Stadt Prypjat evakuiert. Ljubow Sirota, sie leitete damals den Kulturverband „Prometheus“ im örtlichen Kulturhaus und hat Erinnerungen im Roman „Das Pripjat Syndrom“ zusammengefasst. Auszüge wurden am 40igsten Jahrestag im Rahmen einer Matinee in Klagenfurt/Celovec von der Kulturredakteurin Michaela Monschein (die Autorin war anwesend) vorgetragen. Es sind Momentaufnahmen vom Schicksal der betroffenen Menschen, etwa von Irina und ihrem Sohn Denis:
Am frühen Morgen des 26. April 1986 sitzt Irina, bekleidet mit einem leichten Hausmantel, vor ihrer alten tragbaren Schreibmaschine und tippt den Artikel fertig, an dem sie wie gewohnt die ganze Nacht gearbeitet hat. Sie setzt den letzten Punkt und zieht das dichtbeschriebene Blatt aus der Maschine. Denis, bereits in Jacke und Schuhen, springt mit seinem Ranzen in die Küche. Irina wundert sich über die Eile. Wo willst du denn so früh hin? Du hast noch eine Stunde bis Unterrichtsbeginn, das sieht dir gar nicht ähnlich. Ist schon gut Mama, wir haben heute Dienst, der Joscha wartet im Hof auf mich. Wir haben uns ausgemacht, dass wir ein bisschen rumlaufen vor der Schule. Frische Luft, verstehst du? Denis redet sich gewandt heraus. Ah, frische Luft, das ist natürlich gut, kann Irina, schläfrig ein wenig entgegensetzen. Na, lauf schon. Aber weißt du, in der Nacht gab es im Kraftwerk wieder Krach und Alarm. Die Scheiben haben sogar gezittert. „Hast du das auch gehört? „Und wenn schon”, ruft es aus dem Flur, „ich bin weg!”
Und während der Alltag für die beiden unbeschwert, nichtsahnend beginnt, folgt in einem weiteren Auszug aus dem Buch eine offizielle Verlautbarung die zeigt, wie die Menschen damals – noch völlig uninformiert über die radioaktive Strahlenbelastung – evakuiert wurden:
Achtung, Achtung, verehrte Genossen, der Rat der Volksabgeordneten der Stadt teilt mit, dass sich im Zusammenhang mit einem Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl in der Stadt Prypjat eine ungünstige Strahlensituation entwickelt hat. Die Organe der Partei und der Stadt und die Militäreinheiten treffen die notwendigen Maßnahmen. Um allerdings die volle Sicherheit der Bevölkerung, in erster Linie die der Kinder, zu gewährleisten, ist es notwendig, eine zeitweilige Evakuierung der Stadtbevölkerung in nahegelegene Ortschaften im Gebiet Kiew durchzuführen. Zu diesem Zweck werden heute, am 27. April, ab 14 Uhr vor jedem Wohnhaus Busse bereitgestellt, die von Polizeibeamten und Vertretern der Stadtverwaltung begleitet werden. Es wird empfohlen, persönliche Dokumente und die notwendigsten Dinge und Lebensmittel mitzunehmen. Bitte bewahren Sie Ruhe. Bei der Durchführung der zeitweiligen Evakuierung zählen Ordnung und Disziplin. Und dann sind die Menschen im Bus unterwegs. Das Kraftwerk, ruft vorne jemand im Bus. Ja, da ist es. Denis kommt zu Irina gelaufen. Mama, wo ist das Kraftwerk? Zeig! Da, flüstert Irina und zeigt in die Richtung, wo sich hinter dem Wald in einer Rauchwolke wie im Nebel die Ursache ihrer ungewöhnlichen Reise erhebt.
Soweit zwei Auszüge aus dem Buch „Das Pripjat Syndrom“ in dem es der Autorin darum geht, anhand menschlicher Nähe aufzuzeigen, wie innerhalb kürzester Zeit die Reaktorkatastrophe das Leben tausender Menschen unwiderruflich veränderte.
Das fundierteste wissenschaftliche Forschungsprojekt zur transnationalen Geschichte der nuklearen Katastrophe lieferte Prof.in Dr. in Melanie Arndt mit dem Titel „Tschernobylkinder“. In der Zusammenfassung ihres Buches meint die Autorin sinngemäß:
Erst als sich die sowjetische Staatsführung der verheerenden Situation der „Tschernobylkinder bewusst wurde, war es zu spät. Zwar entwarf sie noch mitten im Auflösungsprozess der Sowjetunion einen umfassenden Gesundheitsplan, um die Lage der Kinder und Jugendlichen systematisch und langfristig zu verbessern. Doch, es mangelte an finanziellen Mitteln. Und, die Erkenntnis, dass das sowjetische System „nicht einmal in der Lage war, für die Unversehrtheit seiner Kinder zu sorgen“, löste Enttäuschung, Wut und massive Proteste aus. Das Phänomen der Tschernobyl Kinder trug maßgeblich zur damaligen schrittweisen Auflösung der Sowjetunion bei!
Abschließend sei festgehalten und eindringlich verdeutlicht: Die größten Sicherheitsbedrohungen für AKWs sind immer noch Umweltkatastrophen oder kriegerische Auseinandersetzungen. So etwa wurde die Schutzhülle über dem Kraftwerk von Tschernobyl im Februar 2025 durch einen Drohnenangriff beschädigt und konnte nur notdürftig „geflickt“ werden.
Ja, also ich denke, ich denke tatsächlich jetzt unmittelbar, wenn man jetzt unterhalb dieser Stahlschutzhülle nicht mit dem Rückbau des Sarkophags von Tschernobyl beginnt und mit dem Rückbau von Tschernobyl selbst, dann bildet sich dort nicht so viel Staub. Es ist natürlich eine gewisse Gefahr, weil eben der Sarkophag eigentlich am Ende seiner Lebensdauer angelangt ist und weil es auch in der Vergangenheit dann schon so dazu gekommen ist, dass Gebäudeteile eingestürzt sind, und das könnte natürlich wieder passieren, das muss man dann wieder ausbessern. Aber solange man den Block 4 unbehelligt lässt unter der Stahlschutzhülle, tritt kein Staub auf, der dann die Umwelt kontaminieren könnte. Das Problem ist also, aktuell, ja, wenn man alles so lässt, wie es ist, dann braucht man sich nicht übermäßig Sorgen zu machen. Man muss aber für eine endgültige Lösung die Stahlschutzhülle wieder instand setzen, um dann beginnen zu können, diesen Block 4 endlich rückzubauen. Und das ist eigentlich das Hauptproblem, dass da eine Konstruktion, die schon in der Anschaffung sehr teuer war und sehr schwierig ist und die nicht leicht zu reparieren ist, denn man kommt dort ja nicht so einfach hin, dass man die wieder instand setzt. Da müssen die Mittel gefunden werden. So Schätzungen, die ich gehört habe, waren so über mehrere 100 Millionen Euro, die das kosten kann. Und es wird auch lange dauern. Ich meine, es verzögert sich natürlich auch der Rückbau durch den Krieg. Also momentan ist an einen Rückbau des Block 4 sowieso nicht zu denken. Das Problem ist, das ist ein offener Punkt, der endlich erledigt werden muss, der sich aber durch diese Beschädigung und den Krieg immer weiter verzögert.
Strokovnjak za varnost Nikolaus Müllner poudarja, da je bila katastrofa v Černobilu »strašen šok«, saj je ovrgla temeljni prepričanji o varnosti jedrskih elektrarn: prvič, da civilni reaktor ne more doživeti takšnega porasta moči, in drugič, da je morebitna škoda omejena le na radij 150 kilometrov. Eksplozija je pokazala, da lahko reaktor uide nadzoru in da posledice niso omejene le na neposredno okolico. Radioaktivni oblak se je razširil po vsej Evropi, kar je zahtevalo zaščitne ukrepe celo tisoče kilometrov stran. To sta bili dve prepričanji, ki sta se zlomili, opozarja Nikolaus Müllner.
Ob tem izpostavi tudi zamude pri obveščanju in kaotično evakuacijo prebivalstva. Sovjetske oblasti so sprva skušale nesrečo prikriti, evakuacija mesta Pripjat pa je bila izvedena površno in prepozno. Müllner opozarja, da bi se podobne težave lahko pojavile tudi danes: »Tudi danes takšne evakuacije ne bi potekale bistveno bolje.«
Predsednica Evropske komisije Ursula von der Leyen zagovarja ponovno okrepitev jedrske energije. Poudarja, da »ni izbira ali-ali«, temveč se spodbuja kombinacija jedrske in obnovljive vire energije za stabilno in čisto oskrbo. Jedrska energija po njenem mnenju zagotavlja zanesljivost, medtem ko so obnovljivi viri odvisni od naravnih pogojev. Evropa naj bi tako ponovno prevzela vodilno vlogo na področju jedrske tehnologije.
Müllner do teh načrtov ostaja skeptičen in jih označuje za politično željo. Opozarja, da je razvoj jedrskih elektrarn izjemno počasen. Od odločitve do priklopa namreč mine 25 do 30 let. Namesto tega zagovarja vlaganje v obnovljive vire in varčevanje z energijo.
Če se znova ozremo v preteklost in k lekcijam iz černobilske nesreče, pa italijanski strokovnjak Marco Ricotti kot ključni vzrok katastrofe izpostavlja človeški dejavnik. Trenutno pa največje varnostne grožnje jedrskim elektrarnam predstavljajo naravne nesreče ali oboroženi spopadi. Jedrska energija prinaša določene prednosti, vendar se je treba vprašati, ali so vlaganja v njen nadaljnji razvoj smiselna. Vprašati pa se moramo tudi, kako lahko še dodatno izboljšamo varnost jedrske energije.
Kurzbiografien:
Dr. Nikolaus Müllner ist Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften ISR der Universität für Bodenkultur Wien BOKU. Er ist Vorsitzender der „International Nuclear Risk Assessment Group“ INRAG. Zu seinen Forschungsfeldern zählen Nukleare Sicherheit, Fragen zu Genehmigungsverfahren kerntechnischer Anlagen, Deterministische und probabilistische Sicherheitsanalyse, Schwere Unfälle, aber auch Fragen zu erneuerbaren Energien und allgemeine Fragen zur Modellierung thermohydraulischer Systeme.
Müllner ist seit 2013 der Vertreter Österreichs im „Nuclear Safety Standards Committee“ der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO und Berater der Abteilung Nuklearkoordination im Rahmen zwischenstaatlicher Nuklear-Expertengespräche. Er ist Mitglied des Ausschusses Anlagen und Systemtechnik der deutschen Reaktorsicherheitskommission. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, Konferenzbänden und Fachpublikationen von IAEA und OECD/NEA.
Ljubow Sirota lebte ab 1983 mit ihrem Sohn in Pripjat, einer Stadt, die für die Angestellten des Atomkraftwerks von Tschernobyl errichtet worden war. Dort leitete sie den Kulturverband „Prometheus“ im örtlichen Kulturhaus, bis sie 1986 nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl evakuiert werden musste. Bereits in Pripjat inszenierte sie experimentelle Theaterstücke. Nach der Katastrophe von Tschernobyl initiierte sie die Gründung eines Vereins ehemaliger Bewohner von Pripjat. Heute lebt sie in Klagenfurt /Celovec und setzt dort ihre literarische Arbeit fort. „Das Pripjat Syndrom“ wurde bereits 1991 geschrieben, erschien nun erstmals in deutscher Übersetzung. Ihre Texte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und gelten als eindringliche literarische Zeugnisse von Verlust, Verantwortung und Vertreibung.
Prof. Dr.in Melanie Arndt ist seit April 2020 Professorin für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte und seit April 2024 Prorektorin für Internationalisierung und Nachhaltigkeit an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig. 2018 habilitierte sie sich mit einer Studie zu den transnationalen sozialen Auswirkungen der Katastrophe von Tschernobyl. Im Mai 2020 erschien ihr auf der Habilitationsschrift beruhendes Buch „Tschernobylkinder. Die transnationale Geschichte einer nuklearer Katastrophe“. Das Buch wurde mit dem Preis “Geisteswissenschaften International” ausgezeichnet.
Mag.a Michaela Monschein, ist Kulturmanagerin und langjährige Organisatorin der Tage der deutschsprachigen Literatur. Seit 2005 ORF-Kulturredakteurin Radio und Fernsehen. Textauszüge in dieser Reportage wurden im Rahmen der Matinee „40 Jahre Tschernopyl“ am 26. April 2026 im Kärnten Museum Klagenfurt/Celovec vorgetragen.
Ursula von der Leyen ist seit Dezember 2019 die Präsidentin der Europäischen Kommission. Von 2009 bis 2013 Bundesministerin für Arbeit und Soziales und von 2013 bis 2019 Bundesministerin der Verteidigung. Von November 2010 bis November 2019 war sie zudem eine der fünf stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU in Deutschland.
Prof. Ingenieur Marco Ricotti ist ordentlicher Professor für Kernkraftwerke am Politecnico di Milano und Präsident des CIRTEN-Konsortiums (Interuniversitäres Konsortium für nuklear-technologische Forschung). Er war Präsident der “Arbeitsgruppe für Atomfragen” des Europäischen Rates sowie designiertes Mitglied der Agentur für Nuklearsicherheit.
Weiterführende Informationen:
Melanie Arndt (2020): Tschernobylkinder. Die transnationale Geschichte einer nuklearen Katastrophe, mit 18 Abbildungen und 6 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen: https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/media/pdf/e6/5f/1f/LP_978-3-525-35208-3.pdf
Ljubow Sirota (1919), Alexander Kleinberger (Hrsg. 2026): Das Pripjat-Syndrom. Übersetzung aus dem Russischen von Tina Wünschmann. Edition Noema, ibidem-Verlag, Hannover/Stuttgart: https://www.ibidem.eu/en/Edition-No-ma/Narratives-Novels/Das-Pripjat-Syndrom.html
Oblikovanje I Gestaltung: Heinz Pichler & Neža Katzmann Pavlovčič











