Die sozialdemokratische Stadtregierung Wiens führte zwischen 1919 und 1934 radikale Reformen auf dem Gebiet des Wohnbaus, des Gesundheits- und Bildungswesens durch. Dieses Reformprogramm wurde international unter dem Schlagwort „Das Rote Wien“ bekannt. In vieler Hinsicht entsprach die Wiener Wohnpolitik dieser Zeit heutigen Ansprüchen an eine nachhaltige öffentliche Grundversorgung, die starke soziale Wirkung mit möglichst geringem Verbrauch von Ressourcen erzielt. Sie konnte mit ihren Gemeindebauten vielen Wiener:innen (wenn auch nicht allen) ein ausreichendes Minimum an Wohnraum bieten, verbunden mit zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen, und war gleichzeitig darauf ausgerichtet, dem exzessiven Verbrauch von Ressourcen eine Grenze zu setzen, indem sie Wohnraum ab einer gewissen Größe mit einer extrem progressiven Steuer belegte. Diese „Wohnbausteuer“ und andere Luxussteuern lieferten einen bedeutenden Beitrag zur Finanzierung des Reformprogramms, insbesondere der Gemeindebauten.
Aus der historischen Analyse der Wiener Wohnpolitik im 19. und 20. Jahrhundert ergeben sich Anforderungen an eine Wohnpolitik des 21. Jahrhunderts: Immobilienbesitz sollte mit sozial-ökologischen Auflagen verbunden sein, wobei Instandsetzung und ökologische Aufwertung Vorrang vor Neubau haben müssen. Für die Bereitstellung von Wohnlösungen sollte eine untere und eine obere Grenze eingezogen werden, um allen ein lebenswertes Minimum zu gewährleisten und gleichzeitig Luxuskonsum über das ökologisch verträgliche Maß hinaus zu unterbinden. Und drittens sollte „Wohnen“ nicht mehr als Privatangelegenheit in den eigenen vier Wänden betrachtet werden, sondern eingebettet in ein Geflecht von Beziehungen zu Gesellschaft und Natur.
Literatur: Novy, Andreas; Baumgartner, Benjamin; Grabow, Simon; Plank, Leonhard; Volmary, Hans (2024): Greening Red Vienna : lessons for social-ecological housing provision. In: Sustainability: Science, Practice and Policy 20 (1), Artikel 2312674. DOI: 10.1080/15487733.2024.2312674.



