Aus der Welt der „Freien Radios“:
Russland und Ukraine und Zensur, Zensur wg. Ukraine und Russland
Über Recht und Unrecht beim Kriegführen
Der angedrohte bzw. verhängte Ausschluss dieses Podcast ausgerechnet von „Freien Radios“ ist einige Monate her, möchte mich auch nach einigen Zuschriften noch einmal äußern, und hoffe, einigen Unklarheiten und Verständnisproblemen damit zu begegnen. Sofern es solche waren. Der Kern des Streits ist m. E. die Frage nach Recht und Unrecht beim Kriegführen, die moralischen Werte und die Sprachregelungen der Kriegsparteien. (Vgl. die Vorfälle bzw. Beiträge dazu auf: https://cba.media/768736 und https://cba.media/759259.)
Das eher Formelle und Methodische:
Was steckt dahinter?
Wenn Leser / Hörer über das eigentlich Gemeinte, über Hintergründe und mögliche Intentionen meiner Beiträge nachdenken (möchten) und sich dabei schwer tun, auch was manche Quellen betrifft, dann kann das m.E. an unterschiedlichen Mängeln liegen: Dann ist es mir womöglich nicht gelungen, mich ordentlich verständlich zu machen, denn meine Überlegungen sollten klar zum Ausdruck kommen; der Text ist so gemeint, wie er vorgetragen wird, da steckt auch nichts „dahinter“; alles steht „vorne“ da. Warum sollte denn – ganz generell – jemand verschweigen oder verbergen oder verstecken, worum es ihm – „eigentlich“ und „dahinter“ – geht?
Bin allerdings darauf aufmerksam gemacht worden, dass ich mit Anspielungen und Erinnerungen arbeite, die vielleicht Leuten, die nicht so im „Stoff“ drinnen sind, zumindest nicht auf Anhieb viel sagen, und womöglich irritierend wirken. Allerdings, wenn etwa eine Bezeichnung wie „der Westen“ eine zu generalisierende Charakterisierung sein soll, dann bin ich mir nicht sicher, was das soll – im Zweifelsfall, wenn sich da nicht jemand absichtlich blöd stellt, um mir etwas anzuhängen, könnte ich gern antworten oder präzisieren, Nachfrage genügt. Was nicht nur die Quellenlage betrifft, so gilt ein Satz, den eine anerkannte kulturelle Größe vor vier Jahren in einem Interview zitiert hat. Gespräch mit Gottfried Helnwein, Maler und Promi, also ein Künstler mit gewisser Narrenfreiheit; so eine Figur wird von Mainstream-Medien gern gefragt, wenn eine kritischen Meinung dokumentiert werden, und zugleich deren bedingter Stellenwert zum Ausdruck gebracht werden soll, der Mann ist kein Politiker, also letztlich nicht wirklich kompetent:
Putin … „wollte den lange anhaltenden Konflikt mit der Ukraine und die Bedrohung durch das immer weitere Vordringen der NATO militärisch lösen. Das war ein schwerer Fehler. Jeder Krieg ist ein Verbrechen, für das es keine Rechtfertigung gibt. Die tägliche Berichterstattung erweckt aber den Eindruck, als hätte die Welt in Frieden gelebt, bis Putin, das größte Monster aller Zeiten, aufgetaucht sei. So hat die westliche Welt die extremsten Sanktionen über Russland verhängt, die es je gegeben hat. … Vor allem die Empörung der Amerikaner mutet seltsam an, denn seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Amerika im permanenten Kriegszustand. In diesen Kriegen starben nach verschiedenen Schätzungen bisher 30 bis 50 Millionen Menschen. Zig Millionen wurden verletzt und verstümmelt, ganze Nationen wurden in die Steinzeit und ins Chaos zurückgebombt. Der Friedenspreisträger Obama ließ Zehntausende Bomben in sieben Länder abwerfen. Er überbombte damit sogar Bush. Laut offiziellen Statistiken werfen die USA jeden Tag im Schnitt 46 Bomben ab. Obamas Drohnen haben mehr Menschen getötet als die Inquisition in Hunderten von Jahren. Laut CIA-Dokumenten waren 89 Prozent der Getöteten unschuldige Zivilisten, viele davon Kinder. Haben sie je gehört, dass irgendjemand deshalb Sanktionen gegen Amerika verlangt hat? …
profil: Putin führt den ersten Angriffskrieg auf europäischem Boden seit 1939.
Helnwein: Und was war, als die Amerikaner 1999 Belgrad bombardiert haben? … Orwell hat gesagt, die mächtigste Lüge sei die Auslassung … So funktioniert Propaganda am effektivsten.“
(profil 12/2022 bzw. https://cba.media/549372)
„Orwell hat gesagt, die mächtigste Lüge sei die Auslassung!“ Sagt Helnwein und charakterisiert damit den Medien-Mainstream. Im ORF darf Selenskyj eine tägliche Wortspende vortragen, die Positionen der Russischen Föderation – und auch die hat welche! – kommen in erster Instanz durch Totschweigen vor. Schon das nötigt einen halt zur Benutzung anderer Quellen. Soweit es sich um Berichte von Tatsachen handelt, die von der nicht-freien Öffentlichkeit – im Unterschied zu Freien Radios; Achtung, Ironie … – gern „ausgelassen“ werden, kümmere ich mich schon darum, dass da keine Phantasieprodukte, keine Erfindungen dabei sind, auch ohne zusätzliche Quellen anzuführen oder einen Rechercheprozess zu dokumentieren. Und abweichende Meinungen sind in der Regel sehr wohl als solche kenntlich und von Tatsachen zu unterscheiden. Da erlaube ich mir, diesbezüglich Anforderungen an Hörer / Leser zu stellen.
Zum Sachverhalt, den Helnwein damals thematisiert hat, folgender Befund: Was der für eine Diskrepanz im Rahmen der moralischen Einordnung hält, ist genau andersherum der springende Punkt; es geht um die Frage bzw. um den Anspruch, wer mit Recht Krieg führt, und wer nicht, wer also auf Gewaltverzicht festgelegt sein soll, wenn es – der Hinweis auf Serbien bzw. Jugoslawien –, wenn es um die Existenz von ganzen Staaten und um Grenzziehungen geht. Da war die Antwort der damaligen „westlichen Welt“ eindeutig und unmissverständlich; um die Propaganda bemühen sich seither die Gesprächspartner von Helnwein ebenso wie offenbar auch weniger etablierte – womöglich sog. „freie“ – Medien. Die Propaganda lebt davon, die von Helnwein monierte „Diskrepanz“ eindeutig zu thematisieren, den jeweiligen Berlin-Sprech oder Brüssel-Sprech zur Richtschnur der Berichterstattung zu machen, und auch gleich nach Abweichlern zu fahnden. Eine Variante hat das zitierte Medium ad hoc erfunden, nämlich die völkerrechtlich unbekannte, aber moralisch offenbar befriedigende „Maxime“, außerhalb sei das Kriegführen akzeptabel, aber in Europa gänzlich untragbar – dem kann man auch entnehmen, ein ordentliches politisches Magazin habe sich angesichts der Lage um die Erfindung solcher Gesichtspunkte zu bemühen: Russland wird also der Verstoß gegen Prinzipien vorgeworfen, von denen alle Beteiligten wissen, dass die gar nicht gelten. Daher ab und an auch die Bezeichnung „Lügenpresse“. Das Feindbild erläutert den Krieg als Verbrechen, weil Krieg nur der „eigenen“, der „guten“ Seite zusteht, dem Feind nicht.
Das Gravierende:
Mängel auf Seiten der Hörer / Leser: Die Rechts- und Moralfrage
Wer sich im Kriegsfall die Frage nach Recht und Unrecht vorlegt oder vorlegen lässt, ergreift damit sehr prinzipiell Partei für den Krieg insgesamt und überhaupt – eben indem er der gerechten Sache die Daumen drücken will, aber wirklich nur dieser. Das tue ich mir und den Hörern / Lesern nicht an, und das mit Absicht. Statt dessen geht es darum, herauszufinden und mitzuteilen, worum es geht, welche Zwecke und Interessen die hohen kriegführenden Parteien durchkämpfen. Wer also unbedingt erfahren will, wem ich nun Recht gebe oder nicht, ist womöglich von dieser Auslassung irritiert, oder überfordert. Die gesuchte Parteilichkeit wird – zurecht – vermisst, und dann womöglich, eben dem eigenen Bedürfnis folgend, irgendwo „im Hintergrund“ vermutet oder auch an eher lächerlichen Einzelheiten wie der Quellenlage entdeckt.
Natürlich sind „Recht und Unrecht“ immer dabei, im Krieg, auf allen beteiligten Seiten. Das liegt daran, dass Staaten – Plural! – ihre Interessen als ihre Rechte vortragen und in Anschlag bringen, und in dieser ultimativen Form Respekt verlangen, von ihresgleichen. Recht und Unrecht sind die Kategorien der Kriegsherren, Recht und Unrecht gehört zum Macht-Sprech. Im Krieg steht nicht „das Recht“ gegen „das Unrecht“, da stehen Staaten gegeneinander, die allesamt ihre Interessen als ihre Rechte reklamieren, von anderen Staaten deren Anerkennung fordern, und deswegen schon im Frieden den Krieg vorbereiten. Im Zuge dessen berufen sich alle Kriegsparteien auf Prinzipien, gegen die sie selber verstoßen oder verstoßen haben. Da möchte ich doch gern wie der zitierte Maler an die Erinnerungen der geneigten Hörer / Leser appellieren: Wie wäre es mit ein wenig Mut, sich des eigenen Gedächtnisses zu bedienen?! Dasselbe Muster noch einmal sehr ausführlich, an einem markanten Beispiel, weil die sich als „russisch“ verstehende Bevölkerung in der Ukraine auch ein Thema war bezüglich der Frage, was darf man in „Freien Radios“ alles erzählen, und was nicht:
„Die stellvertretende Ministerpräsidentin der Ukraine, Olha Stefanishyna, besteht darauf, dass die Frage des Schutzes der russischen Minderheit in den Verhandlungen mit der EU nicht angesprochen wird. Es gäbe keine russische Minderheit, sagte sie. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der EU-Botschafterin in der Ukraine, Katarína Mathernová, räumte Stefanishyna ein, dass die Frage der Gewährleistung von Minderheitenrechten auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft sehr wichtig sein wird. Auch eine Reihe anderer Kandidaten sahen sich während ihrer Beitrittsverhandlungen mit Forderungen in diesem Bereich konfrontiert. Doch obwohl die Venedig-Kommission in ihren Entscheidungen und Empfehlungen an Kyjiw auf die ‘russische Minderheit’ eingeht, wird sie im Dialog mit der EU nicht erwähnt. ‘Es gibt keine russische Minderheit in der Ukraine. Sie existiert nicht! Es gibt keine einzige rechtlich registrierte Gemeinschaft, die sich als russische Minderheit bezeichnet. Es gibt Ukrainer, von denen einige Russisch sprechen. Ich komme aus Odessa, ich spreche Ukrainisch, wenn ich will, und ich spreche Russisch, wenn ich will. Und dafür brauche ich weder Moskau noch die Entscheidung der Venedig-Kommission’, erklärte Stefanishyna. Sie betonte, dass auch Brüssel diese Ansicht teile. ‘Ich bin froh, dass die Europäische Kommission dies verstanden hat’, sagte sie. Zuvor soll die Europäische Kommission bei einem geschlossenen Briefing in Brüssel ebenfalls erklärt haben, dass sie die ‘Rechte der russischsprachigen Bevölkerung’ auf dem Weg der Ukraine in die EU nicht berücksichtigen werde. … Im Gegensatz zur russischen Minderheit, spielt die ungarische Minderheit in der Grenzregion Transkarpatien jedoch eine entscheidende Rolle, um die Forderungen der EU im Bereich der Minderheitenrechte zu erfüllen. Stefanishyna hatte Anfang der Woche mitgeteilt, dass sie der ungarischen Regierung einen Aktionsplan zur Minderheitenfrage vorgeschlagen habe, mit Hilfe dessen die Spannungen zwischen den beiden Ländern beseitigt werden sollen. … Im Jahr 2017 hatte das ukrainische Parlament ein Bildungsgesetz verabschiedet, das die bestehenden Rechte ethnischer Minderheiten, darunter auch die ungarische, auf Unterricht in ihrer Muttersprache einschränkte. Zwei Jahre später wurde ein neues Staatssprachengesetz verabschiedet, das die ukrainische Sprache in allen Bereichen des öffentlichen Lebens für obligatorisch erklärte.“ (10. Nov. 2023)
(https://www.euractiv.de/section/eu-aussenpolitik/news/ukraine-russische-minderheit-spielt-keine-rolle-bei-eu-beitritt/)
(Zur Quelle: EURACTV ist ein Mediennetzwerk: https://euractiv.de/ueber-euractiv/)
Es gibt also keine russische Minderheit in der Ukraine. Sie existiert nicht, weil von der Ukraine keine anerkannt wird. Eine ungarische Minderheit gibt es schon – notgedrungen, weil Ungarn eben Mitglied der EU ist. So einfach ist das, zumindest, wenn es nach Kiew-Sprech und Brüssel-Sprech geht. Umgekehrt, umgekehrt; wenn Putin die Existenz einer ukrainischen Nation in Frage stellt, dann ist das eine Art von „Genozid“. Zum „Hintergrund“: Die EU verlangte bisher von ihren Aspiranten, Rechte nationaler Minderheiten zu respektieren, um auf diese Weise nationale Gegensätze innerhalb der Beitrittsländer zu entschärfen, indem Minderheiten die Pflege nationaler Eigenheiten (Sprache … ) zugestanden wird; so soll deren Nationalismus befriedigt und eingehegt werden, damit Konflikte nicht als Gegensätze von Macht und Schutzmacht innerhalb der EU eskalieren.
Der früher mal – vor der Wende unter Trump – noch einige „Westen“ hat gern mit Prinzipien aus dem Werkzeugkasten des Völkerrechts hantiert, selektiv und anlassbezogen elastisch, als da wären das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ bzw. die „territoriale Integrität“! In diesem Sinn noch einmal die Erinnerung an das berühmte aufklärerische Motto, also wieder „Mut zum Gedächtnis“! In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts war die Territoriale Integrität der „Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien“ nichts mehr wert, aus europäischer Sicht, wohingegen das „Selbstbestimmungsrecht“ der ex-jugoslawischen Teilvölker hoch im Kurs stand. Oder auch nicht, denn in der zur Selbständigkeit geholfenen ehemaligen Teilrepublik Bosnien-Herzegowina war das Selbstbestimmungsrecht der serbischen und kroatischen Bevölkerungsgruppe nichts wert, wohingegen die Territoriale Integrität dieser brandneuen staatlichen Kreation von europäischen Gnaden heilig war, und den dortigen „Entitäten“ aufgezwungen wurde.Weswegen bis heute ein „Hoher Repräsentant“ – eine Art Kolonialgouverneur – einen Teil der Staatsgewalt in einem Staat ausübt, den die Beteiligten nicht wollen. Der aktuelle Repräsentant ist keiner mehr, aber nicht, weil er sich dem Selbstbestimmungsrecht der dortigen „Entitäten“ gebeugt hat, sondern weil ihn die USA entfernen ließen. Die territoriale Integrität Serbiens, immerhin im „Dayton-Abkommen“ – wer darüber nichts weiß, soll halt einen Suchbefehl geben und Quellen suchen, ok? – noch als vertragschließende Partei anerkannt, durch welches das neue Geschöpf Bosnien das Licht der Staatenwelt erblickte, war kurz darauf nichts mehr wert, wohingegen das Selbstbestimmungsrecht der Kosovo-Albaner in Serbien hoch im Kurs stand, wodurch schon wieder ein neues Gebilde in die Staatenwelt eingeführt wurde, wohingegen das Selbstbestimmungsrecht der Serben im Norden dieses Kosovo … nun, wir ahnen es bereits. Am Selbstbestimmungsrecht der Katalanen, der Basken oder Korsen bestand und besteht kein wirkliches auswärtiges Interesse in Europa, aber genau wegen einer diesbezüglichen Präzedenz-Wirkung ist Kosovo nicht von allen Staaten der EU diplomatisch anerkannt. Wie es um das Selbstbestimmungsrecht der Kurden und der Palästinenser steht, ist bekannt: Kein auswärtiges Interesse.
Das – wenn man es mal auch moralisch werten will – verlogene regierende und publizierende Demokratenpack in Europa handhabt die „territoriale Integrität“ so wie das „Selbstbestimmungsrecht“ instrumentell, berechnend. Entscheidend ist allein der europäische Anspruch, darüber zu befinden, was jeweils gilt; und was praktisch gilt, ist das Ergebnis der puren Gewalt, die über die Existenz von Staaten und deren Grenzen entscheidet. Der Witz so einer „regelbasierten Ordnung“ besteht eben darin, WER denn die Regeln macht, WER sich dann daran halten muss und WER sie nach eigenen Bedürfnissen interpretiert, ändert oder negiert. Oder anders, so eine „regelbasierte Ordnung“ ist vom „Recht des Stärkeren“ nicht zu unterscheiden, denn die „Regeln“ brauchen die Gewalt, um Störer zu unterwerfen, und auch die „Stärkeren“ berufen sich ab und an auf Regeln.
[Exkurs aus aktuellem Anlass: Voriges Jahr hat bekanntlich die Trump-Administration einen 28-Punkte-Friedensplan für die Ukraine vorgelegt. Der Plan anerkennt eine russische Volksgruppe in der Ukraine, und damit Russland als deren national zuständige Schutzmacht. Er verlangt ein Ende der Entrussifizierung der Ukraine zwecks ethnischer Homogenisierung, die Verfasser von MAGA (Make America Great Again) haben sich dabei den Scherz geleistet, von der EU die Einhaltung ihrer eigenen Vorschriften zu verlangen:
„Beide Länder werden in Schulen und in der Gesellschaft Bildungsprogramme durchführen, um das Verständnis und die Toleranz gegenüber anderen Kulturen zu fördern sowie Rassismus und Vorurteile zu beseitigen:
Die Ukraine wird die EU-Vorschriften zur religiösen Toleranz und zum Schutz sprachlicher Minderheiten übernehmen;
Beide Länder werden werden sich darauf einigen … die Rechte von ukrainischen und russischen Medien und Bildungseinrichtungen zu garantieren;
Jegliche Naziideologie und nazistische Aktivitäten müssen abgelehnt und verboten werden.“
(https://www.faz.net/aktuell/politik/ukraine/das-sind-die-28-punkte-in-trumps-ukraine-friedensplan-accg-200253054.html)
Die EU hat ihrem demokratischen Musterknaben, dem Verteidiger der Werte, also grünes Licht für die rabiate Entrussifizierung der Sprache und Kultur und Religion gegeben, gegen ihre eigenen „Prinzipien“; und man wurde durch den MAGA-Plan wieder an den Kult um den Faschisten und Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera in der Ukraine erinnert. (Das war ein Thema in der deutschen Auseinandersetzung mit dem damaligen ukrainischen Botschafter, der darauf gehen musste. https://cba.media/618771) Klar, die Ukraine hat das Bedürfnis nach einer sinnstiftenden Historie, um durch solche Geschichten die Gegenwart zu legitimieren; die für die Moral des Kanonen- oder Drohnenfutters Zuständigen, die jubeln diesen Bandera in einer Dauerkampagne hoch. Der wurde sich als ukrainischer Nationalist seinerzeit über einige Massaker mit dem Dritten Reich in der Juden-, Polen- und Russen-Frage einig, weswegen auch in Polen und Israel gegen den Bandera-Kult protestiert wird. Bandera brachte es darüber zum „Ehren-Häftling“ im deutschen KZ Sachsenhausen, weil der damalige deutsche Staat im Unterschied zum heutigen für eine eigenstaatliche Ukraine noch nicht reif war. Insofern ist Bandera in der Tat für die Personifizierung und Glorifizierung der gegenwärtigen Ukraine in höchstem Maß repräsentativ und geeignet. In die Tradition dieser Waffenbrüderschaft des Zweiten Weltkriegs wollen sich ihre heutigen Unterstützer aber partout nicht – oder noch nicht? – stellen lassen, gerade wenn und weil es gegen Russland geht. „Geschichte“ kann manchmal ziemlich kompliziert sein. (https://de.wikipedia.org/wiki/Stepan_Bandera) In einem höchst fragwürdigen Organ, nämlich der Schweizer „Weltwoche“, die immer gern der EU deren Verlogenheit unter die Nase reibt, liest man über einen anderen Helden jener großen Zeit:
„Was wäre, wenn Deutschland einen im Ausland begrabenen Nazi-Verbrecher exhumieren, feierlich nach Berlin überführen und in einem Staatsbegräbnis beisetzen liesse? … Soeben hat die Ukraine die Urne eines Kriegsverbrechers aus Luxemburg heimführen lassen und in Kiew feierlich beigesetzt. Staatschef Wolodymyr Selenskyj hielt die Trauerrede auf Andrij Melnyk …“ (https://weltwoche.ch/daily/die-ukraine-ehrt-einen-nazi-kriegsverbrecher-was-sagt-deutschland-dazu/?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=daily)
Um es klar zu formulieren: Ja, die Geschichte von Nazi-Kollaborateuren als ukrainischen Nationalhelden, in deren Tradition sich die heutige Ukraine stellt, die ist ein Moskauer „Narrativ“, und dieses Narrativ trifft sachlich zu. So ein Hinweis ist offenbar auch in manchen Freien Radios verpönt, weil er das verlogene Freund- und Feindbild durcheinanderbringt. Der Grund für den russischen Kriegsbeginn vor vier Jahren ist diese Tradition nicht; der Hinweis darauf soll wieder besagen, wie instrumentell und billig mit moralischen Titeln hantiert wird, sogar mit so epochalen wie dem Umgang mit dem Dritten Reich. Die Berufung auf Nazi-Waffenbrüder als Helden der Ukraine war einmal kurz ein Thema, auch die Hakenkreuz-Tattoos des Asow-Regiments – ansonsten besteht in Westeuropa in Politik und Mainstream-Medien eben kein Bedürfnis nach Skandalisierung der Ukraine; in Polen ist das ein Thema, in Israel und Russland ohnehin, und deswegen liest man ausnahmsweise auch im ORF folgendes:
„Nach Kontroversen um Ereignisse des Zweiten Weltkrieges entzieht der polnische Präsident Karol Nawrocki dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj die höchste Ehrung des Landes – knapp eine Woche vor einer geplanten Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine im polnischen Danzig. … Die nunmehrige Aberkennung sei ‘nicht gegen die ukrainische Nation gerichtet’ und ändere nichts an der strategischen Ausrichtung der polnischen Sicherheitspolitik, beteuerte Nawrocki … Selenskyj hatte mit der Benennung einer ukrainischen Armee-Einheit nach der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) Ende Mai einen diplomatischen Eklat mit Polen ausgelöst. Die UPA war im Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der heutigen Ukraine für Massaker an Polen verantwortlich. … Die UPA galt in den 1940er Jahren als militärischer Arm der OUN, der Partei ukrainischer Nationalisten. Bei den von 1943 bis 1945 begangenen Massakern töteten UPA-Mitglieder bis zu 100.000 ethnische Polinnen und Polen in der Region Wolhynien. … In ihrem Kampf für die ukrainische Unabhängigkeit von der Sowjetunion kollaborierten OUN und UPA im Zweiten Weltkrieg zeitweise mit Hitler-Deutschland. Die Mitglieder von OUN und UPA werden in der heutigen Ukraine als Helden verehrt.“ (https://orf.at/#/stories/3433852/)
Zum sehr zentralen Stellenwert des Getöbers: Das ist eine wuchtige ukrainische Lehre der Geschichte für die Gegenwart und kein etwas überspanntes, skurriles Geschichtsbild. Gerade weil Selenskyj ständig seine Armee geradezu als eine Söldnertruppe in europäischen Diensten anpreist, die ja tatsächlich vom Geld der auswärtigen Interessenten lebt, gerade deswegen verlangt er die Anerkennung eigenständig ukrainischer Werte und ukrainischer Helden, nur dafür, so die Lesart und der Anspruch, werden die Ukrainer gegenwärtig geopfert. Die damaligen Helden haben Russen, Juden, Polen massakriert, für die Ukraine, und durch diese Tradition die heutige Ukraine legitimiert, sagt der Staatschef höchstselbst: Das ist die aktuelle Lesart von „Ukraine über alles!“
Soweit der eine Stoff meiner Beiträge, die rechtlichen und moralischen Kalauer, die verlogenen Sprachregelungen, die über den Krieg in Umlauf sind. Genug für heute.
